BUTTERFLY
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Jede Geburt ist ein Todesurteil auf Bewährung.
Geniese jede Sekunde deines Lebens, denn du bist länger Tod als lebendig.
Gestern stand ich am Abgrund, heute bin ich einen Schritt weiter.
I do what the voices tell me to do
Gefeiert wird jetzt, schlafen kannst du später!


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So, hier werden Kurzgeschichten und vielleicht auch meine etwas größeren Werke präsentiert. ^^;

Inhaltsverzeichnis




[1] - 17.o8.2oo5

Spiegelscherben



Gedankengänge, nicht für jederman nachvollziehbar, selbst mir bereitet es unbehagen. Gedanken, die ich denke, nicht zu Ende bringe und vergesse. Gedanken, manchmal Träume und Wünsche, mit denen ich dies alles hier vergessen möchte. Es soll nie wieder zurückkehren.

Es sind Träume, mit denen ich dieses Zimmer verlasse, mich loslöse von dem, was mich bindet, körperlich wie seelisch und mit deren Hilfe ich mein trostloses Dasein kurz vergessen kann. Träume, in denen ich über unbekannte Landschaften fliege, nicht wissend, wohin der Wind mich trägt.

Nur die Schmerzen sind es, die mich wieder zurückholen, die mich daran erinnern, wo ich bin - nur leider nicht, wer ich bin. Schmerzen, die immer wiederkehren, mich nicht loslassen wollen, die mich quälen und erdrücken. Ich will diese Schmerzen nicht mehr spühren, will, dass sie verschwinden.
Habe es oft versucht, alles mögliche, doch nichts half. Immer wieder fand ich mich in diesem Bett wieder. Immer wieder starrte ich auf dieselbe leere, kalte und traurige Wand ich wurde es langsam leid.

Ich wollte mich erinnern, an Dinge, die ich nie kannte, wollte wissen, was war, bevor ich in diesem Bett aufgewacht war und eine fast leblose Gestalt wurde. Wollte mich daran erinnern, wer ich vorher war ... doch es gab keine Erinnerungen. Keine Erinnerungen an ein 'Ich', welches es mal war.

Was hielt mich noch? Nichts. Warum lebte ich noch? Weil man es so wollte. An diese Tatsache erinnerten mich jeden Tag und jede Nacht die vielen Schläuche und Kabel an meinem Körper, die zu vielen piepsenden und blinkenden Geräten führten, welche mir sagen sollten, das ich noch lebe ... immer noch.
Wollte es aber nicht mehr.

Gefühle ließen mich längst schon kalt, gingen einfach an mir vorüber. Kannte nicht die Wärme in meinem Herzen, hatte es nie gespührt. Einzig, was mir blieb, war der Schmerz, der sich durch meinen Körper fraß, meine Seele verschlang und in ewige Dunkelheit tauchte.

Gebunden an ein Leben, welches mir durch menschliche Verrücktheit gegeben wurde, es mir ermöglichte, zu leben. Doch längst schon habe ich es aufgegeben. Es war kein Sinn mehr vorhanden, für den es sich zu leben lohnte.

Ob ich je wirklich leben könnte? Ob ich jemals lieben könnte? Ob ich jemals Freude am Leben haben könnte?

Ich weiß es nicht ...

Wann werde ich endlich sterben?

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[2] - 18.o8.2oo5

Tote Tränen



Wieder weinst du. Wieder dieser traurige Blick. Hab ich dich wieder zum weinen gebracht? Verzeih mir. Ich wollte es nicht, war nie meine Absicht. Ich mag es nicht, wenn du weinst. Ich sehe dich lieber fröhlich und lachend.

Bitte hör auf zu weinen. Schau mich nicht so mit deinen hübschen violetten Augen an. Ich ertrage es nicht, es schnürt mir die Seele zu. Trotzdem bin ich immer für dich da. Das weiß du hoffentlich.

Ich wende mich von dir ab, merke aber, wie dein Blick mir folgt und wie neue Tränen in deine Augen steigen. Willst du wieder im Selbstmitleid ertrinken? Willst du nicht kämpfen und zeigen, dass du ein Mann bist?
Zweifel werden in mir geweckt. War es richtig, mich damals von dir zu trennen?
Ja. Doch wirst du das je verstehen?

Ich habe mein Bestes getan. Ich wünsche mir, dass du glücklich wirst, Freude hast und deine schmerzvolle Vergangenheit vergessen kannst.
Bitte verzeih mir, wenn ich hart werde, doch ich meine es gut.

Immer noch Tränen in deinen Augen, immer noch der Blick, der mir folgt. Ich kann die Tür nicht schließen und dich alleine lassen – kann und will es auch gar nicht.
Die Tränen machen mich verrückt … und weich.

Merkst du, wie sehr ich mag? Merkst du, wie sehr ich um dich besorgt bin? Kannst du meine Gefühlte verstehen? Ich vermag es nicht immer.

Bitte hör endlich auf zu weinen …

Dein Haar ist weich, dein Körper warm als du dich an mich schmiegst. Hängst du noch so sehr an mir? Ich verstehe es nicht – hatte dich doch nie wirklich gut behandelt. Du vertraust zu schnell, das ist dein Fehler …

Deine wässrigen Augen schauen in die Meinigen. Geht es wieder? Beruhige dich. Alles wird gut.

Aber bitte versteh, wenn ich dir sage, dass ich nicht bei dir bleiben kann. Ich ertrage es einfach nicht. Dein elendiger, trauriger Anblick weckt alte Erinnerungen. Erinnerungen an meine Mutter, die ich mit eigenen Händen tötete …

Es ist, als ob ihre Tränen deine Wangen hinunterfließen.

Es sind quälende Sekunden, Minuten, die mich innerlich zerbrechen lassen, die mich zur Verzweiflung treiben, auf einem Weg ohne Ziel.

Lass mich gehen, ich kann nicht mehr bleiben. Der Schmerz ist zu groß.

Aber vergiss nie: Dein Glück ist auch mein Glück …

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[3] - 18.o8.2oo5

Das Tier in dir



Sie war es. Sie sollte es einfach sein. Warum? Nun, sie war hübsch, beliebt und dazu auch noch intelligent. Ja, ich weiß, das ist sehr oberflächlich betrachtet, aber was soll’s’ schon?

Sie war ein Mädchen meiner Stufe und hieß Maydlin. Sie hatte wunderschöne lange, schwarze Haare und dunkle Augen.
Ich hatte leider nur Musik und Geschichte mit ihr, aber das sollte mich nicht daran hindern, sie in den Pausen zu beobachten, so wie in dieser jetzt gerade auch.

„Schaust schon wieder nach deiner Perle?“, neckte mich ein Freund. Sein Name war Nelson. Ein typischer Footballspieler: Muskulöser Körper, braune, kurze Haare, blaue Augen und ein Lächeln wie sonst keiner. Mich wunderte es schon, dass ihm nicht die Mädchen reihenweise zu Füßen lagen. Ich jedenfalls war neidisch.

„Dich soll’s nicht stören.“, konterte ich und sank wieder auf der Bank zurück. Entspannt legte ich die Arme auf die Lehne.
Meine Kumpels und ich hockten jede Pause hier und schauten uns die Mädchen in ihren kurzen Minis an. Jede Pause dasselbe ‚Hey, Schnegge siehst du heut wieder geil aus.’ oder ‚Hey, Puppe, wie wär’s mit uns?’. Langsam gingen uns die Sprüche aus, oder eher gesagt, meinen Kumpels. Ich hatte da sowieso noch nie richtig mitgemacht.
Ich war froh, wenn die Mädchen mich auch nur mal eines Blickes würdigten. So toll wie meine Kumpels sah ich längst nicht aus. Meine braunen Haare wuschelten verwirrt auf meinem Kopf rum, meine Ohren waren zu klein und meine Augen sahen aus wie Glupschaugen und dann hatten sie auch noch so ein ekelhaftes Grün.
Ich würde nie an Maydlin rankommen.

„Hey, meine Süße!“, rief Marrey, der dritte im Bunde. Er winkte Dian zu. Sie war eine von diesen klischeeblonden Tussis. Megatitten aber nichts im Hirn. Na ja, sie war eine Freundin von uns.
„Hey, ihr drei Hübschen.“, rief sie freundlich und gab jeden einen Bussi. So war sie halt, unsere Dian. „Was haltet ihr von meinem neuen Kleid?“, frage sie aufgeregt und drehte sich im Kreis, damit wir sie von allen Seiten begutachten konnten.
„Geil! Sieht echt sexy aus an dir.“, lechzte Marrey und wäre sie am liebsten angesprungen, obwohl er es wahrscheinlich erst gesehen hatte, das sie etwas neues anhat, als sie es sagte.
Ehrlich gesagt wäre es mir auch nicht aufgefallen. Dian hat so viele Kleider und Röcke und Blusen und Hosen. Ein blaues Kleid mehr oder weniger in ihrem Schrank fällt wohl kaum auf. Vielleicht kommt sie ja demnächst an und zeigt uns ihren neuen BHs. Obwohl, lieber nicht, sonst haben wir Marrey nachher hier noch liegen.
Marrey würde man so was ehrlich gesagt eigentlich gar nicht zutrauen, das er auf so was Blondes steht. Er hat schwarze, lange Haare und ist sowieso eigentlich eher, wie sagt er, Gothic. Seltsam das alles. Nicht, das er Gothic ist, sondern das andere halt …

Da war sie wieder. Maydlin lief mit ihren Freundinnen an uns vorbei in Richtung Schulgebäude. Die Glocken hatten längst für Pausenende geläutet. Wie benommen stand ich auf und folgte den Mädchen. Die andern drei folgten mir, so wie ich es im Augenwinkel wahrnehmen konnte.

Geschichte. Vor mir saß sie. Diejenige, die ich haben wollte. Die, für die ich sterben würde. Die Prinzessin meiner Träume – wohl wahr … In meinen Träumen stand sie immer an meiner Seite und …
„Nun, Lian? Wie ist die Antwort?“ Unweigerlich musste ich feststellen, dass ich mit meinen Gedanken abgelenkt war. Also, wie war die Antwort? Mist. Mal wieder nicht aufgepasst. Nur wegen ihr, weil sie so schön und …
„Lian?“, fragte meine Lehrerin erneut.
Verdattert und peinlich gerührt schaute ich um mich um Hilfe zu erbeten.
„1945.“, flüsterte die helfende Stimme neben mir.
„1945.“, sagte ich laut und bestimmt, mir dessen sicher zu sein.
„Nein, das denke ich nicht. Der 30jährige Krieg war um einiges länger und auch viel früher.“ Mist. Natürlich musste ich jetzt das Gelächter der Klasser ertragen.
Erbost schaute ich meinen Nachbarn an. Es war Tarzan. ( Na ja, er wurde auf jedenfall so genannt. ) Gehässig schaute er auf mich herab wie auf ein Stück Scheiße, das auf seinem eingeschlagenen Weg lag.
Am liebsten würde ich mich verkriechen. Irgendwo hin, wo es dunkel und still ist und niemand lacht und man seine Ruhe hat.
Pah.

„Na? Musste Klein-Lian wieder auf meine geile Braut schielen?“, rief Tarzan laut. Hörte sich an wie ein Gorilla. Pah. Idiot.
Nichtsantwortend einfach stur an ihm vorbeigegangen. Und was war? Immer dasselbe. Er hat mir Beinchen gestellt. Das ich aber auch immer wieder drauf reinfalle. Ich Idiot.
Schnell suchte ich meine Sachen zusammen, die überall verstreut auf dem Boden lagen.
„Ei ei ei. Ein Herzchen. Nein wie süüüß!“, rief der König des Dschungels und zeigte es seinen Tieren. „M+L! Wie romantisch!“, brüllte er weiter.
Sollte er doch. Sollte er doch all seine lieben kleine Tierchen um sich versammeln und nachher dem Dummen eins auszuwischen. Wie jedes Mal: Die Masse wird vom König durchwühlt und eine Reihe Schimpf- und Schandwörter prasselt auf mich nieder. Immer dieselbe Leiher.
„Finde ich noch einmal so etwas in deinen Unterlagen, dann kannst du was erleben. Hast du mich verstandne, Freundchen?“, flüsterte er mir ins Ohr.
Uuh, nicht die alte Leiher? Schade, hatte mich schon gefreut. Nun gut, jetzt also eine Drohung.
„Wie willst du mich hindern?“, fragte ich trocken zurück.
Eine Hand klammerte sich um meinen Hals und drückte mich gegen die Spinds.
„Ich mache keine Scherze!“, rief der König und seine Tiere bejubelten ihn.
Schwer keuchend wurde ich dann zu Boden gelassen. Luft. Ich japste und Tränen stiegen mir in die Augen. Na toll. Hatte ich mich nicht schon genug blamiert? Musste ich jetzt auch noch heulen?
Und das alles vor den Augen meiner Angebeteten. Ich seufzte.

„Jetzt heult er auch noch!“, rief Tarzan und beömmelte sich fast vor lachen. Tse, Blödmann. Das ich die Tränen aber auch nicht unterdrücken konnte.
„Das reicht aber jetzt!“, rief Nelson.
Hurra, meine Rettung kam. Nur ein bisschen spät, wie ich fand.
Tarzan plus Bande verschwanden.
„Alles ok?“, fragte mich Nelson. Genervt setzte ich mich auf.
„Ugah-ugah!“, sagte ich laut in Tarzans Richtung. Zum Glück hörte er mich nicht mehr.
Fertig. Fertig mit mir und der Welt. Warum konnte nicht einmal nichts passieren, was für mich peinlich, schmerzvoll oder sonst wie endete.
„Noch ist alles dran.“, meinte ich nur und stand auf.


Zu Hause kam meine Mutter mir auch nicht gerade freundlich entgegen.
„Mach mal dein Zimmer sauber und bei Gelegenheit kannst du auch noch mal die Garage aufräumen.“ Ja, guten Tag Mutter, mein Tag war sehr schön.
Wenn ich jetzt könnte, würde ich platzen. Na ja, aber wie ich meine Mutter kenne, würde sie alles erdenkliche Versuchen, mich wieder zu beleben. Schließlich würde sie niemals die ganze Sauerei wegmachen.
Tu dies tu das. Mensch, ich hab auch noch was anderes zu tun als hinter Paps herzuräumen. Ach was, ‚Paps’, alter Sack passt wohl besser. Bier saufend vor der Flimmerkiste und immer nach Pizza schreiend.

Tür zu tauche ich ein in eine neue Welt – meine Welt! Endlich daheim.
Der Rechner läuft noch, genau wie ich ihn heute Morgen zurückgelassen hatte. Gut.
Meine Computerspiele waren schon längst alle veraltet, aber woher sollte ich das Geld für neue nehmen? Trotzdem spielte ich sie immer noch ganz gerne.
Natürlich kostete mich das dann den ganzen Tag und ich schaute erst abends wieder auf die Uhr um zu merken, das schon längst nach Mitternacht war. Zum wiederholten Mal an diesem Tag seufzte ich.

Mühselig schleppte ich mich ins Bett und schlief prompt ein.
In der Nacht quälten mich mehrere unruhigen Gedanken, denn ich wachte des Öfteren auf. Und mehrmals hatte ich vage Erinnerungen an einen Knäuel. Einem Knäuel aus Fell, der sich rhythmisch mit meinem Atem bewegte.
Ich schaute auf die Uhr: 3:16.
Erneut versuchte ich einzuschlafen, aber meine Gedanken rasten und gaben mir einfach keine Ruhe. Immer wieder hatte ich Bilder von diesem Fellknäuel vor Augen. Was oder wer war das? Und warum zum Donnerwetter noch mal kam er in meinen Träumen vor?
Ich bin’s doch nur.
In meinem Kopf war eine Stimme. Merkwürdig klang sie. Plötzliche Bilder tauchten wieder vor mir auf. Es war der Knäuel. Langsam nahm er Form an und ein Kopf erhob sich.
Wie im Traum stand ich plötzlich vor diesem Ding. Seine schwarzen Augen schauten treu zu mir hinüber. Füße schien das Ding keine zu haben. Nur eine Art Schlangenkörper mit langem hundeartigem Fell. Sein Kopf erinnerte da schon eher an einen Wolf, mit den langen Spitzen Eckzähnen.

Ängstlich und auch ein wenig nervös schaute ich das Tier ( nun ja, es hatte allen Anschein, doch eins zu sein, nur welches? ) an und dann den Raum in dem wir uns befanden. Zu meinem Schreck, standen wir wohl in einer Art ‚Nichts’. Es war dunkel, ja eigentlich total schwarz; über, neben und unter uns. Woher das Licht kam, welches uns beide erhellte war mir schleierhaft, und das einzige, was ich wusste war, das ich hier ganz schnell wieder wegwollte.
Das Tier rollte mit seinen pechschwarzen Augen, und das einzige, woran ich dies erkennen konnte, waren die Lichtstrahlen, die sich kurze Zeit anders brachen.
Schließlich entrollte sich das Tier vor mir und schlängelte durch das Dunkel, über und unter mir hinweg.
Als ich nach unten schaute, wurde mir schwindelig. Wie im Weltraum kam ich mit vor. Schwerelos. Einfach losgelöst vom Boden. Vorsichtig setzte ich einen Schritt nach vorne. Nichts tat sich. Ich war wie gefesselt.
Nein. Dies ist meine Welt. Du kannst dich nicht bewegen.
„In deiner Welt? Was hat das zu bedeuten? Und wer oder was bist du eigentlich?“, fragte ich leise und wäre am liebsten umgekippt, wenn dies gegangen wäre, als sein Kopf plötzlich meine Schulter streifte.
Nennen wir es doch deine Welt. Ich habe sie mir nur geborgt.
„Wie?“ Ich verstand gar nichts mehr. Seine Welt, meine Welt. Wieso sprach dieses Vieh überhaupt?

Wieder schlängelte es sich mit seinem eigenartigem Körper dicht vor mir her. Vorsichtig berührte ich es. Sein seidenglattes Fell glitt mühelos durch meine Finger.
„Wer bist du?“
Dein Freund.

Erschrocken richtete ich mich auf. Zu meiner Überraschung lag ich in meinem Bett. Brav zugedeckt. Mein Wecker klingelte. Durch die Rollladen kamen die ersten Sonnenstrahlen.
Zweifelnd dachte ich an meinen letzten Traum, der doch sehr eigenartig war. Dieses schlängelnde Tier wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Schläfrig schaute ich auf meinen Schreibtisch, der von dem wenigen Licht erhellt wurde.
Nur mühsam konnte ich einen Schrei unterdrücken. Mir wurde schwindelig und auch leicht übel. Blut konnte ich nicht sehen, und genau das war dort. Ein Messer, blutüberströmt, lag auf meinem Schreibtisch.
Wie war es dorthin gekommen? Wer hat es dorthin gelegt? Und vor allem, wessen Blut ist das?
In einem Anflug von Panik riss ich mir die Sachen vom Leib um doch erleichtert feststellen zu können, dass es nicht von mir stammte. Doch als ich die Bettdecke beiseite räumte, legte ich mehrere Blutflecken frei.
Also doch ich? Ich fühlte mit den Händen darüber uns sah, das sie vom Blut verklebt waren.
Was war hier los? Wieso war Blut an meinen Händen? Und an dem Messer …

„LIAN! KOMM SOFORT RUNTER!“, brüllte meine Mutter von unten. Schnell nahm ich das Messer und packte es in eine Schublade. Notdürftig versuchte ich mit einem feuchten Tuch das Blut von meinen Händen zu bekommen.
„Was?“, fragte ich laut, als ich die Treppe nach unten lief. Ach ja, hatte ja gestern nicht die Garage aufgeräumt. Und Paps hatte ich auch vergessen zu wecken und ins Bett zu schicken.
„Die Garage räum ich nachher noch auf. Hab es gestern nicht mehr geschafft.“, versuchte ich meine Mutter zu beruhigen. Doch als ich die Küche betrat, wusste ich, warum sie mich gerufen hatte.
Die Küche war voll gespritzt mit Blut. Die Decke, die Schränke, der Boden, die Wände. Einfach alles.
Ich schaute meine Mutter an. In ihren Augen stand das Grauen. Noch nie hatte ich sie so furchtsam gesehen und so dermaßen am Zittern. Doch den Grund sah ich schon kurz darauf.
Hinter dem Küchentisch lag ein Oberkörper. Mir wurde schlecht. Speiübel. Ein Torso. Ohne Kopf. Eine riesige Blutlache. Wo war der Rest? Ich wollte es nicht wissen. Schnell rannte ich nach draußen und entleerte mich in einem Busch. Scheiße, was für ein Morgen.

„Ich … ich muss die Polizei rufen.“, stotterte meine Mutter. Ja genau: Hey, ich hab hier n Oberkörper in meiner Küche liegen. Könn’se den vielleicht mal abholen?
Bei dem Gedanken kam gleich die nächste Ladung und wieder reiherte ich alles voll.
Wo war Paps eigentlich? ( Ha, schon komisch, das ich genau an ihn denken muss, wenn ich kotze … )

Nervös wählte meine Mutter die Nummer der Bullen. Ich währenddessen machte einen großen Bogen um die Küche und ging wieder nach oben. Schnell wollte ich meine Sachen nehmen und zur Schule gehen, doch da musste ich wieder an das Messer denken. Die Polizei würde mich doch glatt als Täter darstellen, wenn die das finden würden.
Also packte ich es ein und nahm es mit. Wohin sonst damit? Als ich es gerade in Tücher einwickelte, bemerkte es, das es eins unserer Messer war. Es war das große Küchenmesser, welches meine Mutter oft nahm, um Braten klein zu schneiden, oder so.
Hilfe, meine Mutter wird das irgendwann merken … und dann komm ich. Die Polizei wird zur Schule kommen und mich ausfragen. Himmel!
Egal. Jetzt muss es erstmal weg. Und die Blutflecken? Nun, die auch. Schon wieder diese Übelkeit und dieses Kribbeln. Will nicht.

Nervös und anscheinend leichenblass betrat ich das Schulgelände und kam zu meinen Freunden. Still und andächtig saßen sie da, schauten nicht mal auf, als ich grüßte. Nur ein kleines ‚Hi’ würgten sie hervor. Was war los? Wer hatte nun die halbe Leiche in der Küche? Die oder ich?
„Du glaubst gar nicht, was heute morgen bei uns in der Küche lag …“, flüsterte Nelson gequält. Er schluckte ein paar Mal.
„Was denn?“, fragte ich ihn und wurde neugierig.
„Ein … ein Arm. Einfach nur ein Arm.“, sagte er und würgte ein paar Mal. „Marrey, erzähls’ ihm.“, forderte er den armen Kerl auf, der keuchend auf der Bank saß, seine Hände über den Kopf und auf den Boden schauend.
„Ein … BEIN!“ Ok. Da hätten wir also die eine Hälfte von dem Körper.
„Das Beste kommt aber noch!“, flüsterte Marrey. „Maydlin … bei ihr … sie, sie … sie fand einen Kopf – Tarzans Kopf! Er war eingehüllt … wie ein Kokon.“
Mir wurde mal wieder speiübel und ich musste zum dritten Mal an diesem Morgen meinen leeren Magen entleeren in einem Gebüsch.
Ein Schauer lief mir über den Rücken. Abartig.

Der Unterricht an diesem Morgen fand kaum statt, da überall bedrückte Stimmung herrschte. Auch ich konnte mich nicht recht konzentrieren, denn ich musste immer wieder an all das Blut und diese halbe Leiche in der Küche denken und immer wieder hoffte ich, dass die Polizei alles beiseite geschafft hatte, ehe ich nach Hause kam.
Ich bin dein Freund.
Schon wieder diese Stimme aus meinem Traum. Lass mich in Ruhe!

Ein leerer Blick in den Spiegel. Halb kaputt und verschmiert. Die Putzfrau hat vor langem gekündigt und seitdem kam noch keine Neue. Die Toiletten sehen wirklich versifft aus.
Seufzend schließe ich die Tür zum Klo ab und klapp den Deckel hoch.
Ich bin immer bei dir.
„Waah, lass mich. Ich will jetzt nur mal in Ruhe scheiße, ok? Also, kusch, kusch!“ Langsam nervte das echt. Warum höre ich das überhaupt. Sollte ich deswegen mal zum Psychiater gehen oder so? Ich mein, normal ist das ja nicht. Ob schon mal jemand von seinem Traum verfolgt wurde und Stimmen hörte?
„Seit wann führst du Selbstgespräche auf dem Klo?“, neckte mich auf einmal jemand – Nelson. Wer sonst?
„Nein.“, bemerkte ich dazu nur. Leicht säuerlich versuchte ich solange sitzen zu bleiben, bis er wieder verschwunden war.
Schwindelgefühle benebelten meinen Verstand. Ich merkte, wie ich zur Seite kippte und es nicht verhindern konnte. Dann war alles dunkel um mich rum.
So ähnlich wie in dem Traum.
Unter Schmerzen stand ich wieder auf. Ich hatte mir den Kopf gestoßen. Warum war ich auf einmal weggetreten? Kein Plan. Wie lange ich wohl weg war? Kein Plan.
Ich spülte ab und öffnete die Tür. Schnell wusch ich mir noch die Hände.
Jetzt auf zum Unterricht, dachte ich, rutschte aus und landete unsanft auf dem Hinterkopf. Irgendeine Flüssigkeit umgab meinen Kopf und durchtränke meine Sachen. Vorsichtig richtete ich mich wieder auf. Alles drehte sich, doch den roten Boden konnte ich wahrnehmen. Ich hob meine Hand und schaute sie an. Unklar konnte ich ihre Konturen erkennen. Sie waren beide Rot, so wie alles andere gerade auch. Was …?
Ich schnupperte an der Hand und am liebsten hätte ich wieder gekotzt, aber mehr als Würgegeräusche brachte ich nicht hervor. Blut. Nein.
Langsam schaute ich mich um. Es kam von der Nachbarkabine in der ich gerade noch gesessen hatte.
Ich robbte vor und schob die Tür auf, doch ich machte sie ganz schnell wieder zu. Mein Herz schien für kurze Zeit stehen geblieben zu sein, mein Atem setzte kurz aus. Was war hier los? Erst Tarzan und jetzt … Nelson.

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Das war doch alles nicht wahr. Und ich habe nichts mitbekommen. Nur weil ich einen blöden Schwindelanfall hatte. Ich habe nichts tun können. War wahrscheinlich noch eine Lachnummer für den Täter, weil ich aufm Klo weggetreten war. Warum hat er mich dann nicht umgebracht? Hä?

Nur bei halbem Bewusstsein sah ich, wie das Blut sich einen Weg unter der Tür durch auf den Flur bahnt. Schnell wurde mir bewusst, dass dies bestimmt nicht unbemerkt blieb. Man würde hier hereinstürmen und die Leiche finden - aber auch mich, als einziger und Blut durchtränkt. Ich würde wohl als Täter dargestellt werden. Niemand würde mir meinen kleinen Ohnmachtsanfall glauben.
Und überall dieses Blut.
Ich stützte mich am Waschbeckenrand ab und zog mich hoch. Kaum stand ich einigermaßen fühlte ich, wie die Übelkeit in mir aufstieg. Schweiß perlte mir vom Gesicht und tropfte in das Waschbecken. Das war doch alles zuviel für mich. Und ich hatte gedacht, hey, ich verkrafte das. War ja auch erst nur Tarzan. Aber Nelson?

„Scheiße, was ist das?“ Och nee, der Hausmeister. Wieder würgte ich und die Tür zum Jungenklo wurde aufgeschlagen und klatschte gegen die Wand.
Muss n blödes Bild gewesen sein – Ich, halb kotzend über dem Waschbecken umgeben von einer Menge Blut.
„Junge, was ist hier los?“, rief er aufgeregt und stürmte in die Kabine, in der Nelson lag. Angewidert stolperte er rückwärts wieder raus und klammerte sich neben mir am Waschbecken fest.
„Wer … tut so was?“
Ohne eine Antwort zu geben füllte ich das Waschbecken mit dem Rest, vom dem mein Körper heute eigentlich noch leben wollte.
Schnell rannte der Hausmeister los zum Sekretariat. Ich hörte ihn nur ‚Mord! Mord!’ rufen.

Hab keine Angst. Ich bin bei dir.
Geh, geh aus meinem Kopf, verdammt. Was willst du? Ich habe keine Angst. Wer spricht da?
Hast du mich etwa schon vergessen? Ich bin’s, dein Freund.
Nein … vergessen hab ich dich nicht – aber ich will’s.

„Ist das der Junge?“ Die Polizei traf ein. Ich schaute in ihre Richtung. Ein Polizist schaute mich bemitleidenswert an. Ich muss aber auch furchtbar ausgesehen haben; Tränenverschmiert, blutdurchtränkt und total fertig.
Der Polizist kam auf mich zu, nahm mich vorsichtig an den Schultern und führte mich nach draußen.
„Alles in Ordnung?“, fragte er freundlich. Verwundert schaute ich ihn an. Er hielt mich nicht für den Täter?
„Der Junge hat sich die Seele aus dem Leib gekotzt.“, hörte ich den Hausmeister zu einem streng aussehend Mann sagen. Er schien wohl hier das Kommando zu haben.
Missbillig schaute dieser mich an.
„Macht seine Zeugenaussage.“, sagte er laut zu dem Polizist, der sich um mich gekümmert hatte. Dieser nickte.
Wieder nahm er mich und stützte mich bis wir in einem leeren Zimmer saßen. Er rückte mir einen Stuhl zurecht und setzte sich dann mir gegenüber.
„Also dann wollen wir mal.“
Mir war immer noch übel. Selbst meine Augen schienen das zu merken, denn ich sah meine Umgebung nur noch verschwommen.
Nelson.
Wieder musste ich an meinen Freund denken. Wer hatte so was bloß getan?
„Dein Name?“
Die tiefe Stimme holte mich wieder aus meinen Träumen. Gedankenverloren starrte ich den Polizisten vor mir an und brachte kein Wort aus mir heraus. Was war hier bloß los?
„Dein Name?“, fragte der Polizist noch mal, diesmal aufdringlicher.
„Lian. … Lian Fried.“, flüsterte ich benommen.
„Alter?“
„17.“
Wieder wurde mir schwindelig und ich klammerte mich krampfhaft an dem Tisch fest. Schweiß überströmte mein Gesicht. Nein, nicht! Ich will nicht wieder ohnmächtig werden. Ich blinzelte. Mein Magen verkrampfte sich.
„Dann entleere doch bitte erstmal deine Taschen.“
Mit einem Mal war ich wieder bei Bewusstsein. Hatte ich heute Morgen nicht das Messer von meinem Schreibtisch mitgenommen? Mist. Ich schaute an mir herunter.
Es steckte in der Hose, unter meinem Hemd. Der Bulle würde mich abtasten und es finden. Und dann?
Langsam stand ich auf und griff in meine rechte Jackentasche. Ich holte ein paar Kaugummipapiere heraus und einen kleinen, abgebrochenen Bleistift und legte alles auf den Tisch.
Aus der linken fischte ich noch meinen Schlüssel und etwas Kleingeld heraus.
Dann setzte ich mich wieder.
„Mehr nicht?“, fragte der Polizist und schrieb alles auf.
„So, dann steh doch mal bitte auf für die Leibesvisite.“ Er stand auf und kam um den Tisch rum.
Jetzt war es also soweit. Ich seufzte unmerklich. Wieder schweiften meine Gedanken zu Nelson.
„Steh bitte auf.“, forderte der Bulle und packte mich an den Schultern. „Ich kann mir vorstellen, dass dies sehr schlimm für dich gewesen sein muss, trotzdem muss ich meiner Arbeit nachgehen. Also, steh auf!“
Ich rückte mit dem Stuhl nach hinten. Meine Schwindelgefühle verstärkten sich wieder. Ich hatte Gleichgewichtsprobleme als ich mich aufrichtete, gab aber mein bestes.

Wieder war ich mit meinen Gedanken woanders. Doch diesmal bei meiner Mutter und der Küche. Ob diese Polizisten heute Morgen bei mir waren?
Ich merkte, wie der Polizist anfing, mich zu durchsuchen. Erst oben herum. Seine Hände waren kaum ein paar Millimeter von dem Messer entfernt. Gleich würde er es finden.
Ich hielt die Luft an. Seine linke Hand umklammerte den Griff des Messers.
„Was … was ist das?“, fragte er und stellte sich vor mich. Langsam zog er unser Bratenmesser aus meiner Hose.
Noch immer war Blut daran, aber schon längst getrocknet.
„Gibt’s doch nicht!“, rief er und schubste mich auf den Stuhl zurück. Schnell holte er seine Handschellen raus und band mich an meinem Stuhl fest.

Jetzt werden sie mich wirklich für den Mörder halten. Aber Stopp, Nelsons Blut ist doch gar nicht daran. Oh man, dann werden sie mir den Mord von Tarzan nachweisen können, denn es ist ja sein Blut.

„Das werde ich erstmal dem Kommissar zeigen. Du bleibst schön hier.“, sagte der Bulle aggressiv.
Klar, ich bin kein Opfer mehr, sondern der Täter.
Wieder Schwindelig. Einfach gehen lassen. Das beste was mir nun passieren konnte. Ich merkte nur noch, wie ich zur Seite umkippte und hart auf den Boden prallte. Der Bulle kam wieder auf mich zu, hielt aber Sicherheitsabstand, ich könnte ja schließlich noch irgendwo eine Waffe haben.
„Hey!“, sagte er noch und dann …

Wieder war alles dunkel. Wieder war ich in dieser Art Raum gefangen. Wie in dem Traum. Doch dieses Tier war nirgends zu sehen.
„Hallo?“, fragte ich vorsichtig. Doch ich bekam keine Antwort. Warum war ich schon wieder hier? Ein Licht schien auf mich herab. Langsam drehte ich mich, von der Stelle rühren konnte ich mich immer noch nicht so wirklich.
Das Licht von oben wurde stärker und ich spürte, wie ich nach oben gezogen wurde.

Ich schlug die Augen auf. Über mir war die Decke des Klassenzimmers. Immer noch lag ich auf dem Boden. Ob ich aufstehen konnte? Zu meiner Verwunderung waren die Handschellen durchtrennt.
Ich stützte mich auf dem Stuhl und dem Tisch ab, um hochzukommen. Da merkte ich, dass ich etwas in der Hand hielt. Es war das Messer!
„Verflucht!“, flüsterte ich, als ich sah, dass der Polizist in einer Blutlache lag. „Was geht hier ab? Ich habe doch gar nichts getan?!“
Hin und her gerissen überlegte ich, was ich nun tun sollte. Zur Polizei draußen im Flur gehen oder zur Flucht ansetzen?
Letztlich entschied ich mich für das Zweite und öffnete ein Fenster. Erster Stock und unten war das Überdach des Haupteinganges der Schule.
Ich kletterte auf das Fensterbrett und spähte noch kurz hinter mich, dann nach vorne und sah, das die Flucht nach vorne ganz bestimmt schief gehen würde, denn dort standen die Polizeiautos und auch noch ein paar Bullen. Also musste ich wohl zusehen, dass ich ungesehen um das Gebäude herum kam.
Ich sprang auf das Vordach und schaute mich hektisch um. Anscheinend hatte es niemand bemerkt. Ich robbte zum Rand und legte mich so hin, dass ich einen kurzen Blick unter das Dach werfen konnte. Niemand war zu sehen, also sprang ich ein zweites Mal und kroch schnell ins Gebüsch.
Ich hechtete um das Gebäude, durch das zweite Tor, von dem Grundstück und einfach geradeaus. Ich versuchte unauffällig bis nach Hause zu kommen, was auch alles geklappt hatte, bis ich dann vor meinem Haus stand. Drei Bullenwagen parkten davor.
Ich verdrehte die Augen und lief weiter. Wohin nun? Als ich zwei Blocks weiter war, blieb ich abrupt stehen.
Scheiß Idee. Ich war der Einzige mit dem Bullen in dem Zimmer. Jetzt wird man nach mir fanden, meine Mutter alarmieren und das Messer … Wo war es? Panisch tastete ich meinen Körper ab. Es war nirgends. Ich muss es wohl unterwegs verloren haben, oder sogar noch an der Schule. Mist!
Wohl oder übel musste ich wohl erstmal die Stadt verlassen. Dabei fiel mir schmerzlich auf, dass ich mein gesamtes Geld auf dem Tisch in dem Klassenzimmer liegengelassen hatte. Also zu Fuß? Muss wohl. So könnte ich wenigstens die kleinen Seitengassen benutzen.
Wahrscheinlich auffällig schnell ging ich los, aber das war mir mittlerweile auch egal.
Wir wohnten ziemlich nah an der Stadtgrenze und so war ich schnell draußen. Felder grenzten hier an und nur eine Straße führte hindurch. Ich schlug aber lieber die Feldwege ein, wo ich mich notfalls noch mal verstecken konnte.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Städten auszuweichen und als die Sonne unterging, fing ich an, einen Unterschlupf zu suchen. Der Boden auf dem ich stand war mir zu ungemütlich und so näherte ich mich einer Stadt.
Mein Magen knurrte, aber ich hatte nichts, um meinen Hunger zu stillen und so trottete ich weiter.
Die Hauptstraßen der Stadt mied ich vorsichtshalber und durchquerte die kleinen Gassen. Dabei traf ich auf mehrere Penner. Schließlich setzte ich mich einfach dazu.
Die alten Männer und Frauen starrten mich eine zeitlang an, bis ein anderer, der gerade kam, auf mich zustürmte.
„Hey, du arschgewichster Hurensohn! Verpiss dich von meinem Schlafplatz!“, brüllte er. Erschrocken sprang ich auf und wich weit zurück.
„’Tschuldigung.“, murmelte ich verlegen und setzte mich einige Meter weiter wieder hin.
Dem Penner schien das nicht zu genügen. Er folgte mir und stellte sich vor mich.
„Steh auf du Penner!“, schnauzte er.
Gleichfalls.
Ich rappelte mich also wieder auf.
Kaum stand ich, sah ich eine Faust auf mich zurasen, die mich direkt im Gesicht traf. Ich stolperte nach hinten und knallte noch gegen eine Hauswand. Noch nicht mal vom den Schlag erholt, holte der Penner zum nächsten Schlag aus, der mich im Magen traf. Röchelnd ging ich zu Boden, wo ich erstmal liegen blieb.
„Ich hoffe, das war die eine Lehre!“, raunzte er und spuckte mich an.
Ja war es. Ein kleiner Seufzer entrann mir und schmerzenslaute. Mein Kopf brummte fürchterlich, bestimmt ein blaues Auge morgen.
Kurz darauf schlief ich ein.

Wieder fand ich mich in diesem seltsamen Traum wieder. Wieder war alles dunkel und zwei Lichter schienen aus dem Nichts.
Vor mir, dort, wo ich beim ersten Mal das Tier gesehen hatte, lag nun ein Gespinst, weiß und fein. Fast wie ein Wattebausch. Doch wo war das Tier? Verwundert schaute ich mich um. Es schien nicht da zu sein, oder darin.
Langsam fing dieser Bausch an zu pochen, erst kaum merklich und dann immer heftiger, fast wie ein Paukenschlag.
Schweißgebadet wachte ich auf. Mein Kopf schmerzte aufs unerträglichste. Ich hatte das Gefühl, er würde gleich platzten.
Ich legte mich noch mal hin, mit der Hoffnung, noch ein wenig Ruhe zu finden. Und tatsächlich schlief ich wieder ein – unnatürlich schnell.
Geh nicht so schnell.
Zurück in meinem Traum. Wieder diese Stimme. Doch wieder war niemand zu sehen. Vor mir lag der geöffnete Wattebausch, der Kokon. Das Tier war nicht da.
„Wo bist du?“, fragte ich, doch die Antwort bekam ich schneller als mir lieb war.
Eine grausame Kreatur stand mir plötzlich gegenüber. So groß wie ich, schwarz eingehüllt, weiße, stechende Augen und schwarze, riesengroße Schwingen, ebenso schwarz waren Haut und die langen Haare.
Angsterfüllt stand ich da und wusste nicht wohin und was jetzt geschah.
Hast du dich über meine Geschenke gefreut?
„Welche Geschenke?“
Die Beseitigung derer, auf die du eine Wut hattest.
Mit einmal wurde mir alles klar. Das Wesen hatte all die Leute umgebracht; Tarzan, den Bullen und Nelson …
„Du hast … warum? Die haben mir doch gar nichts getan? Warum hast du sie umgebracht?“, schrie ich verzweifelt.
Tarzan hatte deine Angebetete, der Polizist wollte dich lebenslänglich einsperren …
„Und Nelson …?“
Er hatte all dies, was du nicht hattest: Erfolg, gutes Aussehen und Ansehen.
„Aber … er war mein bester Freund!“
Und dein ärgster Feind.
„NIEMALS! Ich will nicht mehr! Lass mich in Ruhe! Lass mich hier raus! Lass mich aufwachen und verschwinde!“
Komm mit mir!
„Was …? Nein! Ich will nicht!“
Komm mit mir und spiel mein Spiel!
„Welches Spiel?“, fragte ich flüsternd.
Das Wesen erhob sich und neben mir eröffnete sich ein Bild. Wir standen vor einem Haus und kurz darauf befanden wir uns darin. Neugierig schaute ich mich um. Wo waren wir hier.
Das Wesen steuerte die Treppe hoch und wir standen vor einem Zimmer. Die Tür öffnete sich.
„Maydlin!“, entfuhr es mir. Wir waren bei Maydlin! Was wollte dieses Ungeheuer hier?
Du bist dran.
Das Bild kam näher und ich merkte, wie meine Hände durch das Bild gingen. Ich stand hinter Maydlin.
Plötzlich drehte sie sich um.
„Lian …?“, fragte sie erschrocken, doch dann schrie sie. Sie musste das ‚Ding’ gesehen haben.
Meine Finger bewegten sich auf ihren Hals zu.
„Lian, was soll das?“, schrie sie.
Ich drückte zu, immer fester. Tränen stiegen mir in die Augen, meine Stimme versagte. Warum das alles nur?
„LASS MICH IN RUHE!“, krächzte ich. Ich wusste, dass dieses Ungeheuer meine Hände lenkte.
Mein Griff wurde immer fester. Maydlin umklammerte krampfhaft meine Arme und rang nach Atem.
Tränen liefen über mein Gesicht. Warum musste auch noch Maydlin sterben?
Langsam ließ der Druck ihrer Hände nach und ich merkte, wie ihr lebloser Körper zu Boden sackte.
Das Bild verschwand und wieder war alles schwarz.
„Du verfluchtes Mistding! Warum? WARUM?“, schrie ich unter Tränen und versuchte an das Monster ranzukommen, aber nach wie vor klappte es nicht.
Sie wollte dich nicht.
„Wie … woher wusstest du das?“
Es schüttelte den Kopf, lächelte und kam auf mich zu. Es war ganz nah vor meinem Gesicht und legte einen Finger auf meine Lippen.
Dann sah es mir in die Augen und mir wurde bewusst, dass ich jetzt sterben musste.
Es beugte sich zu mir vor und flüsterte in mein Ohr:
Ich bin doch nur das Tier in dir.

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Ein Schritt entfernt



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Ein Schritt entfernt - Teil o1



Müde räkelte sich Myle auf ihrem Bett und fuhr sich anschließend durch ihre roten, leicht gelockten Haare und stellte mit einem Seufzer fest, dass sie ihre Haare mal wieder kämmen sollte. Fast genervt riss sie die Schublade aus dem kleinen Nachtschrank um einen Kamm herauszuholen, doch dabei fiel sie ihr aus der Hand und krachend auf den Boden. Die Scharniere waren wohl kaputt, doch Geld für einen neuen Schrank hatte sie nicht. Leicht versifft war er auch, doch wer hatte schon Zeit, ständig zu putzen, wenn kurz darauf eh alles wieder dreckig war? Einen Kamm fand sie nicht, also schob sie den Gedanke beiseite.
Endlich konnte sich Myle dazu durchringen aufzustehen um wenigstens mal einen Blick in den durchgebrochenen Spiegel zu werfen. Auf dem Weg dorthin stolperte sie über leere Wasserflaschen aus Plastik und über einige Kleidungsstücke, die sie gestern Nacht quer durchs Zimmer geworfen hatte.
Im Spiegel konnte sie nicht allzu viel erkennen da er an vielen Stellen milchig war. Erneut fuhr sie sich durch die Haare und drehte sich zu ihrem Bett um – wenn man eine einzelne Matratze als Bett bezeichnen konnte.
Auf der anderen Seite des Bettes lag ein Mann. Nackt. Sein elegantes Hinterteil schimmerte zwischen der Bettdecke hervor, die zudem noch überall befleckt war. Myle würgte kurz, als sie an die vergangene Nacht dachte, doch es brachte alles nichts, es war nun mal ihr Job.
Der Mann, der im Übrigen Josseh hieß, wie er sich ihr vorgestellt hatte, schnarchte und schnarchte. Wahrscheinlich hatte er gestern einfach zu viel gesoffen. Kurz entschlossen ging Myle auf ihn zu und schüttelte ihn.
„Hey du! Du solltest langsam aufstehen!“, sagte sie und schüttelte ihn dabei nicht gerade sanft.
Gequält drehte der Mann sich um und gähnte laut. Mit den Händen rieb er sich über die Augen um sich schneller an das flackernde Licht zu gewöhnen.
Myle betrachtete ihren Freier noch mal genauer. Gestern hatte sie irgendwie nicht die Zeit dazu gehabt, außerdem ging es um das Geld und nicht um das Aussehen der Männer. Doch Myle erschrak fast, als sie ihn musterte. Der Mann war noch ziemlich jung, vielleicht Mitte zwanzig, hatte braunes kurzes Haar, welches ihm auf dem Kopf herumwuselte, dunkle Augen und auch sonst sah er recht freundlich aus, fand sie.
Doch ob er bei der Bezahlung genauso freundlich sein würde?
„Wo bin ich hier?“, fragte er verwundert, als er sich genauer umgesehen hatte und sich wohl eher in einem Rattenloch wieder fand, womit er anscheinend am wenigsten gerechnet hatte.
„Bei mir“, erklärte Myle nur knapp und hockte sich vor ihn hin.
Missbillig betrachtete Josseh Myle und schlug die Decke weg um aufzustehen, doch als er mit Entsetzen feststellen musste, das er nackt war, bedeckte er seine Blöße ganz schnell wieder und warf Myle einen fragenden Blick zu.
Diese indes zuckte nur mit den Schultern und hielt ihm die ausgestreckte Hand entgegen. Etwas entgeistert blickte Josseh in die ausgestreckte Hand und rückte langsam ein Stück zurück.
„Du meinst doch nicht etwas, dass…? Wir haben doch wohl nicht…?“ Seine Stimme wurde leicht zittrig und auch sonst wurde ihm die ganze Sache von Sekunde zu Sekunde unangenehmer. Hatten ihn seine Kollegen echt einfach mit einer Nutte weggehen lassen?
„Doch.“ Auch dieses Mal hielt Myle ihre Antwort kurz. Sie hatte Hunger und Durst und brauchte das Geld um eben diese Bedürfnisse zu stillen.
Seufzend ließ sich Josseh nach hinten fallen, doch als er die ganzen Flecken auf der Decke bemerkte, richtete er sich schnell wieder auf, stand nun endgültig auf und zog sich schnell an. Was dieses Weib bloß alles mit ihm angestellt hatte?
„Was denn?“, fragte er, als Myle auf ihn zukam, immer noch mit der ausgestreckten Hand.
„Was ist mit dem Lohn?“, fragte sie ihn.
„Jetzt soll ich dich auch noch dafür bezahlen, dass du mich vermutlich mit Aids angesteckt hast? Ich glaube, dir geht’s nicht gut!“ Josseh zeigte ihr einen Vogel und rannte aus dem Zimmer. Doch Myle wollte bezahlt werden, wie sonst sollte sie über die Runden kommen?
„Aber dir hat es doch gefallen!“, rief sie ihm hinterher. Doch Josseh konnte sie nicht mehr hören, denn er war schon am Ende des Flures angekommen und sah zu, dass er ganz schnell dieses Gebäude verließ.
Myle rannte ihm hinterher. Das wollte sie schließlich nicht auf sich sitzen lassen. Als sie die Eingangstür des Hauses passierte und draußen stand, sah sie ihn schon nicht mehr. Der Hauseingang lag zwar in einer Seitenstraße, doch es gab viele Winkel und Ecken, in denen man sich verstecken konnte. Sie mochte jetzt aber nicht überall nach ihm suchen, sie war auch nur mit einem T-Shirt und einem Slip bekleidet. Wenn ihr Vermieter sie so sehen würde, würde sie wahrscheinlich ausziehen können und das wäre ein schwerer Schlag für sie, denn wer akzeptiert schon eine Prostituierte im Haus? Also lief sie schnell wieder in ihre Wohnung.
Ärgerlich riss sie ein Poster von der Wand. Der Mann war ihr entwischt und wenn sie nicht verhungern wollte, musste sie so schnell wie möglich einen neuen Freier suchen, doch um diese Tageszeit war das nicht so einfach. Schließlich waren die meisten Männer erst abends in den Kneipen. Um diese Uhrzeit saßen bloß die alten Schlucker da, die selber kein Geld hatten.
Es half doch alles nichts. Unter den ganzen Kleiderhaufen zog sie sich ein passendes Outfit zusammen, bestehend aus einem alten Rock und einer Bluse, die nur etwas offenherzig war – um diese Uhrzeit konnte sie nicht in voller Montur aufkreuzen, denn es waren Kinder unterwegs und somit war es vom Gesetz her verboten.
Sie verließ die Seitenstraße nach links zur Hauptstraße und ging schnell an ihr entlang um ein paar Häuserblöcke weiter wieder in den dunklen Gassen zu verschwinden. Dort waren viele Kneipen, die meist gut gefüllt waren. Nervös schaute sie sich immer mal wieder um, denn wenn die Casstellar sie entdecken würden, würde sie für die nächsten Monate im Gefängnis sitzen. Und schuften für Nichts war dann auch nicht ihr Fall.
Schnell lief sie über die Straße, wurde fast von einer Kutsche mitgenommen und ein Gepeppofahrer schrie ihr hinterher, was ihr einfallen würde, ohne vorher zu gucken über die Straße zu rennen. Myle ignorierte beide. Sie hasste diese aufgeblasenen Gepeppofahrer, die immer nur an sich dachten. Außerdem hasste sie deren Gepeppo. Nur weil dieses Gerät fliegen konnte, unverschämt teuer war und fast den ganzen Fahrstreifen bedeckte, brauchte man damit nicht so angeben. Außerdem hatte heute fast jeder so ein Gepeppo.
Den Rest des Weges brachte sie rennend hinter sich und die perfekte Seitenstraße war schnell näher gekommen. Ein kleiner Schulterblick zur Sicherheit und schon verschwand sie darin. Die kleine Gasse war gesäumt von Kneipen. Fast ein kleines Paradies für Myle. Zielstrebig lief sie auf eine Kneipe zu, die ziemlich in der Mitte der Gasse lag, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr. Hinter ihr wurde eine Tür aufgeschlagen und ein junges Mädchen in etwa ihrem Alter hinausgeworfen. Sie blieb auf dem Boden liegen, während die Tür der Kneipe wieder geschlossen wurde.
„Chantal!“, rief Myle, als sie ihre Freundin erkannte. Chantal war erst zarte fünfzehn, also drei Jahre jünger als Myle und auch noch nicht so lange im Geschäft. Ihr blondes schulterlanges Haar lag im Dreck der Straße, ihr Kleid war nass, wahrscheinlich vom Bier und sie selber weinte. Myle kam eilig auf sie zu und nahm sie in den Arm.
Myle fragte gar nicht, was passiert sei, denn sie wusste es schon. Es war doch immer wieder dasselbe mit ihnen. Überall wurde sie vertrieben und als Nutten beschimpft, doch wenn die Kerle ein paar Liter Bier intus hatten, waren sie für die lüsterne Gesellschaft auf einmal die schönsten Geschöpfe der Welt. Myle legte den Arm um Chantal und half ihr auf die Beine.
„Warum warst du da drin?“, wollte Myle wissen, während sie mit ihrer Bluse Chantals Tränen trocknete.
„Ich hab heute Nacht nichts verdient“, klagte Chantal und warf sich ihrer Freundin in die Arme.
„Dann haben wir wohl dasselbe Problem. Mein Kerl ist einfach abgehauen.“
Doch Myle wollte nicht länger an diesem Ort bleiben, schließlich könnte der Typ, der Chantal hinausgeworfen hatte die Casstellar informieren und dann würden die binnen Minuten hier sein. Also zog sie ihre jüngere Freundin aus der Gasse hinaus in die andere Richtung, die Myle sowieso eingeschlagen hatte. Die Seitenstraße mündete in einer weiteren dunklen Gasse und es führte anscheinend endlos so weiter, wie in einem Labyrinth, doch Myle kannte sich hier aus.
Ein paar Ecken, Kreuzungen und vielen Verwinklungen weiter hielt Myle kurz an um zu verschnaufen. Sie kannte die Methoden der Casstellar und wenn sie nur lange genug warten würden, würden schon die ersten Schnüffler um die Ecke kommen. Doch Myle wusste sich Rat und schob Chantal noch ein paar Straßen weiter, bis sie schließlich in einen kleinen Innenhof abbogen, von dort über einen Bretterstapel und ein paar Fässern schließlich auf die Dächer der Häuser gelangten. Myle ging voraus und balancierte über ein loses Brett, das über einer Gasse hing und zu einem anderen Häuserblock hinüberführte. Von dort liefen sie quer über die Dächer, bis sie vor einer kleinen Tür standen, die auf den Dachboden eines Hauses führte. Die Eigentümer nutzten die Fläche nicht, oder wussten vielleicht auch gar nicht von ihr, denn es gab kein Weg nach oben aus dem Inneren des Hauses.
Vorsichtig klopfte Myle an die kleine Tür und wartete auf ein Lebenszeichen. Der Besitzer dieser Behausung war nicht oft in seinem Heim anzutreffen, aber vielleicht hatten die beiden Mädchen heute ausnahmsweise mal Glück im Unglück.
Sie mussten lange warten, doch da hörten sie, wie von innen Kisten verschoben wurden und ein Grunzen folgte. Schließlich klickerte es an der Tür und sie ging auf. Dahinter stand ein breiter, stämmiger Mann mit zotteligem braunem Haar, der sich ducken musste, um zu sehen, wer da vor seiner Tür stand. In seiner linken Hand hielt er eine Knarre, doch als er sah, dass dort nur Myle stand, senkte er sie wieder und trat beiseite, damit die beiden reinkommen konnten.
„Schön, dich mal wieder zu sehen“, begrüßte er seine kleine Freundin.
„Ebenfalls“, seufzte Myle und plumpste auf ein Kissen, das auf dem Boden lag. „Das ist Chantal, eine Freundin von mir“, erklärte Myle rasch.
„Ah, freut mich. Ich bin Hoheb“, stellte er sich kurz vor und kramte dann aus einer Kiste drei Flaschen hervor. Bier, wie Myle feststellte und sich dabei fragte, wie man um diese Uhrzeit schon trinken konnte.
Hoheb öffnete eine Flasche und gab sie Myle, die sie auch gequält entgegen nahm, sie wollte ihren Freund jetzt nicht auf noch beleidigen, wo sie ihn doch schon so selten besuchte und zumindest könnte ihr Durst so etwas gestillt werden, auch wenn sie nicht wirklich dran glaubte.
Hoheb wollte auch Chantal eine Flasche in die Hand drücken, zog sie aber in letzter Sekunde zurück.
„Bist du…? Ich meine, darfst du überhaupt schon Alkohol?“, fragte er vorsichtig. Chantal schüttelte verlegen den Kopf, woraufhin Hoheb lachte.
„Na, auch egal. Hier gelten keine Gesetze“, grinste er und gab ihr die Flasche. Für Chantal, die dieses Getränk zum ersten Mal in den Händen hielt, war es fast eine Wohltat und als ob es schon lange zu ihrem Leben gehörte, trank sie die Flasche mit dem ersten Ansetzen fast ganz leer.
„Einen ganz schönen Zug hast du, Kleines“, höhnte der halbe Riese und setzte sich ebenfalls auf ein Kissen. „Aber, Myle, jetzt erzähl doch mal, welche Schwierigkeit dich zu mir führt? Denn ich glaube kaum, das du nur aus Spaß über die Dächer gerannt bist?“, wandte sich Hoheb wieder an Myle, die ebenfalls den ersten Zug hinter sich hatte, aber längst nicht so viel getrunken hatte wie Chantal. Myle verabscheute Bier.
„Chantal wurde aus einer Kneipe hinausgeworfen“, sagte Myle und beobachtete durch das Loch ihrer Flasche, wie sich wieder eine Schaumkrone auf dem Bier bildete.
„Hm“, machte Hoheb nur und warf einen schnellen Blick zur Tür. „Und jetzt befürchtet ihr, das die Casstellar hinter euch her sind, was?“
„Jupp“, sagte Myle und seufzte. „Zumindest werden sie Schnüffler auf uns abgerichtet haben.“
„Hach… und es lief doch jahrelang so gut.“ Hoheb stellte die Flasche auf den Boden und spähte aus einem der kleinen, verstaubten Dachfenster hinunter. Das Haus, in dem er drin wohnte, stand direkt an der Hauptstraße von Bradaccio und somit hatte man einen guten Überblick über die Straße und den dortigen Geschehnissen.
„Wann hattest du zuletzt Schwierigkeiten mit der Casstellar?“, fragte Hoheb und drehte sich wieder zu den beiden um.
„Letzten Monat war das, glaub ich. Es war aber nur, weil ich einem Typen eine Flasche über den Kopf gezogen habe“, glaubte Myle sich zu erinnern.
„Nun, da bist du denen aber nicht als Nu-… äh, Prostituierte aufgefallen, oder?“ Hoheb schaute kurz verlegen zu den beiden Mädchen, er wusste, wie sehr Myle es hasste, Nutte genannt zu werden, aber Hoheb war auch eben einer, der die Dinge gern beim Namen nannte und Myle war nun mal eine Nutte.
Myle hingegen verdrehte wegen des ‚Versprechers’ nur die Augen und verneinte die Frage. „Aber dieses Mal wird es hauptsächlich um Chantal gehen. Ich wurde von diesen Typen ja nicht gesehen – ich habe ihr nur weggeholfen. Chantal ist noch minderjährig! Hoheb, wir müssen etwas machen!“, flehte Myle und schaute Hoheb hilfesuchend an.
„Ja, aber wenn die rauskriegen, das du ihr auch noch geholfen hast, sie kennst und bla bla… du weißt dann hoffentlich auch, was auf dich zukommt, wenn du jetzt schon anfängst Minderjährige ins schmutzige Geschäft zu ziehen. Ich will dir jetzt keine moralischen Vorträge halten, denn ich denke, das weißt du selber alles – doch genau das wird dir die Casstellar erzählen und dich dafür gleich mal ein paar Jährchen in den Knast stecken. Chantal… nun, das könnte komplizierte werden.“ Hoheb seufzte und schaute auf das zierliche Mädchen, wie es da auf einer Kiste saß, die voll mit Alkohol war, selber eine Flasche trank und morgen womöglich schon tot sein könnte. Nein, nicht aufgrund des Alkohols, das sollte das geringere Problem sein. Hoheb macht sich Sorgen wegen der Casstellar.
„Ist die Casstellar wirklich so gemein? Ich hab sie so anders in Erinnerung“, meinte Chantal und träumte ihrer Vergangenheit hinterher.
„Meine Güte! Da gehörtest du ja auch noch auf die Sonnenseite des Lebens! Zu denen ist die Casstellar ja auch nett und freundlich, schließlich blechen die für deren Unterhalt und so weiter. Aber nun, Schätzchen, gehörst du auf die andere Seite und lernst halt mal die grausame Seite der Cassar kennen. Glaub mir, die sind alles andere als nett!“, schimpfte Myle und war selber überrascht, wie naiv Chantal immer noch war. Sie war doch jetzt auch kein direkter Neuling mehr, schließlich gehörte sie seit fast einem halben Jahr dazu. Aber es schien wohl zu wenig zu sein, um die Casstellar mal richtig kennen zu lernen. Myle seufzte.
„Vor allem lernst du sie richtig kennen, wenn du sie [i]so[/i] nennst. Du liebe Zeit! Myle, sag so was nie wieder in meinem Haus!“, fluchte Hoheb, der sich Ärger mit der Casstellar genauso wenig leisten konnte wie die beiden Mädchen und Cassar war und blieb ein Schimpfwort, dass er nie wirklich in den Mund nehmen würde. Hoheb war von Beruf aus ein Schmuggler, daher auch nicht sehr beliebt und musste wegen seines Berufes diese geheime Wohnung nehmen.
„Wenn das ein Haus ist, dann wohn ich in einer Luxus-Villa!“, schnaufte Myle. „Jetzt stell dich nicht so an. Hier wird uns schon keiner gehört haben.“
„Du glaubst gar nicht, wo die überall ihre Ohren haben“, seufzte Hoheb und beruhigte sich wieder etwas. Einen Streit konnte er jetzt gar nicht gebrauchen. „Aber zurück zu unserem eigentlichen Problem: Chantal.“
Hoheb legte die Stirn in Falten und schien irgendwas durchzurechnen, während Myle sich weiter das Bier hinunterzwängte, um wenigstens etwas Flüssigkeit zu bekommen.
„Eh, als Problem möchte ich aber noch nicht abgestempelt werden, ich bin schließlich kein Objekt“, grummelte Chantal beleidigt.
„Aber momentan halt unser Problem! Du wirst gesucht von der Casstellar, bist in meinem Haus und ausgebildet worden von Myle, die ebenfalls in meinem Haus ist. Ich sehe kein nicht vorhandenes Problem!“, meckerte Hoheb, der durch Chantals Beschwerde aus seiner Rechnung herausgekommen war und nun wieder von vorne beginnen musste.
Endlich, als Myle den letzten Schluck aus ihrer Flasche nahm, schien Hoheb ein Geistesblitz – oder so was – gekommen zu sein, denn er sprang auf und lief wild im Kreis herum, als ob er das fehlende Teil des Puzzles gefunden und eingesetzt hatte.
„Ich weiß!“, jubelte er. „In zwei Tagen können wir dich aus der Stadt schaffen.“ Er grinste in die Runde, Myle freute sich ebenfalls über das gute Ergebnis seines Nachdenkens, nur allein Chantal schien die Sache über den Kopf gewachsen zu sein.
„Warum soll ich denn jetzt aus der Stadt verschwinden? Was soll denn der Schwachsinn jetzt? Nur weil ich aus einer Kneipe herausgeflogen bin?“, verärgert darüber, was hier abging, warf sie ihre leere Flasche gegen die Wand. „Ich streike! Ich gehe nirgendwohin!“, rief sie und wollte aus der Tür, doch Hoheb hielt sie auf.
„Mädchen! Jetzt bleib mal auf dem Boden! Wie Myle schon gesagt hat – nur glaube ich, hast du ihr nicht richtig zugehört –, die Casstellar ist alles andere als zurückhaltend und freundlich zu kleinen Mädchen! Vor allem zu denen, die aus den Slums kommen und früh am morgen als Nutte in einer Kneipe ihr Geld verdienen wollen! Verdammt noch mal! Du gehst drauf, wenn du jetzt sorglos über die Straßen schlenderst! Glaub uns doch! So haben wir schon etliche verloren, einfach, weil sie den Regeln nicht gefolgt sind – UNSEREN Regeln! Und die sagen dir nun mal, dass du, wenn du Scheiße verbrockt hast und die Casstellar auf dem Hals hast, du dich nicht mehr in Sicherheit wiegen kannst und es besser für dich ist, die Stadt zu verlassen! Warum kapierst du das nicht?“, brüllte Hoheb. Er war außer sich, wie ein Mädchen in diesem Alter nur so naiv und dumm sein konnte und die Gesetze der Straße nicht befolgen wollte.
„Aber Myle hatte doch auch Stress mit der Casstellar! Zumindest hattet ihr das vorhin erwähnt!“, wehrte sich Chantal, ebenso laut.
„Da enttarnte man sie aber auch nicht als Nutte, sondern dachte von ihr, dass sie ein einfaches Mädchen ist aus der unteren Mittelschicht.“ Hoheb seufzte. Er kannte Chantal jetzt wirklich noch nicht lange, aber er hatte schon genug von ihr und ihrem Gelaber.
„Warst du eigentlich schon mal am Weideplatz?“, fragte Myle ruhig und sah von ihrer Flasche auf, Chantal in die Augen.
Chantal drehte sich zu ihr um und schaute sie fragend an. Hoheb hingegen ließ ein Stöhnen vernehmen. Er war leider oft genug dagewesen um zu wissen, dass ihn keine zehn Pferde mehr dorthin bewegen könnten, selbst die Casstellar könnte dies nicht. Da würde er lieber sterben…
„Nun, er ist außerhalb der Stadt, neben dem Hafen. Willst du mal dorthin?“ Myle war aufgestanden, hatte die Flasche vorsichtig auf den Boden gestellt und kam auf Chantal zu.
„Will ich dorthin?“, fragte Chantal statt zu antworten, denn sie sah diesen gefährlichen Ausdruck in Myles Augen.
„Wenn du das Ausmaß kennen lernen möchtest, was mit denen geschieht, die sich nicht an die Regeln gehalten haben – dir wir im Übrigen nur für unseren persönlichen Schutz aufgestellt haben –, dann möchtest du dorthin. Anders gesehen: Nein, dann würdest du lieber einen großen Bogen herum machen.“ Myle stand nun direkt vor Chantal und konnte ihre Angst förmlich riechen, aber auch ihre Neugierde. Sie schien tatsächlich dorthin zu wollen – was aber vielleicht auch gar nicht so schlecht war nach den gegebenen Umständen.
„Ich will mit dir dorthin“, sagte Chantal schließlich entschlossen.


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